SPD Berliner Mitte - Visionen für den Wandel

Standpunkte

Stellt die Entwicklungshilfe ein!

aus: Welt-online.de

Ein Beitrag von James Shikwati, Ökonom und Direktor des Inter-Region-Economic-Network in Kenia zum G8-Gipfel, 8. Juni 2007

Weiteres Geld für Afrika ist Verschwendung und wirkt kontraproduktiv. Der Kontinent kann sich selbst helfen – bei freiem Zugang zum Weltmarkt.
Nach mehr als einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe ist Afrika stärker verschuldet und wirtschaftlich labiler als jemals zuvor. Bevor die internationale Hilfsindustrie aufkam, gab es in Afrika blühende wirtschaftliche Inseln, die sich in der Nähe von Seen, Flüssen, Bergbaugebieten und Küstenhäfen ballten. Ende des 17. Jahrhunderts betraten europäische Händler den Kontinent und ebneten dem Kolonialismus den Weg, der die traditionelle afrikanische Wirtschaftsweise zerstörte und Afrika willkürlich aufteilte.
Der Rückzug der Kolonialmächte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren führte zum Zusammenbruch der Wirtschaft und zu politischem Chaos. Wenn ich im Folgenden den schädlichen Einfluss der Entwicklungshilfe kritisiere, meine ich nicht humanitäre Hilfsaktionen im Falle etwa von Naturkatastrophen, die außerhalb der menschlichen Kontrolle liegen. Was wir Entwicklungshilfe nennen, besteht aus Darlehen, Subventionen, Zuschüssen und Official Development Assistance (ODA). Entwicklungshilfe hat die Grenzen aus der Kolonialzeit aufrechterhalten, den Afrikanern die Wirtschaftssysteme der Industrieländer oktroyiert und ihnen so die Chance genommen, ihren eigenen Entwicklungsweg zu bestimmen. Entwicklungshilfe nützt vor allem den Gebern, den afrikanischen Eliten und Teilen der Mittelklasse. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Entwicklungshilfe aus den folgenden Gründen kontraproduktiv ist:
1. Sie stellt tyrannischen Staatsoberhäuptern die Mittel zur Verfügung, ihre Bevölkerungen zu unterdrücken. Steigende Hilfszuwendungen haben zur Stabilisierung staatlicher Institutionen beigetragen und sie gleichzeitig ihrer Entscheidungsfähigkeit beraubt.
2. Sie zerstört traditionelle demokratische Institutionen. Geberländer haben eigene strategische Interessen und unterstützen von daher politische Gruppen, die ihnen nützlich erscheinen. Das Konzept der Entwicklungshilfe wurde als strategisches Instrument im Kalten Krieg erfunden, um Vorherrschaft und Einfluss aufrechtzuerhalten.
3. Sie untergräbt die Kapazitäten von Regierungen, öffentliche Dienste ohne ausländische Geldmittel zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus bringt Entwicklungshilfe Bürokraten statt der benötigten Techniker nach Afrika.
4. Sie begünstigt Korruption. 1982 hatte Zaire (die heutige Demokratische Republik Kongo) eine Auslandsverschuldung von fünf Milliarden Dollar angehäuft. Gleichzeitig hatte der Präsident Mobutu Sese-Seko ein Privatvermögen von vier Milliarden Dollar beiseitegeschafft. Wenn Afrika so arm ist, woher, wenn nicht aus Hilfsgeldern, stammen dann die 148 Milliarden Dollar, die Afrika durch die Korruption seiner Eliten verliert?
5. Sie schafft ausgedehnte Bürokratien und zentralisierte Planwirtschaften. Staatliche Unternehmen werden finanziert, die private Unternehmen auskonkurrieren.
6. Staatliche Hilfsleistungen hemmen die Produktivität der Nehmerländer, indem sie staatlichen Dirigismus fördern, ausschließlich staatliche Maßnahmen finanzieren und systematische Korruption hervorbringen.
7. Sie wird zum Kauf von Waffen verwendet. Schätzungen zufolge geben afrikanische Regierungen pro Jahr 15 Milliarden Dollar für Waffen aus. Zwischen 1981 und 1996 erlebte fast die Hälfte aller afrikanischen Länder gewaltsame Konflikte zwischen Regierung und Oppositionsgruppen.
Wer aber ist schuld an der aktuellen Situation? Sehen wir uns anhand einiger Beispiele an, wie sich das Armutsproblem in meinem Heimatland Kenia aus internalistischer Perspektive darstellt. Als ich mit meinem afroamerikanischen Freund Koshin in die Stadt Busia fuhr, entdeckten wir einen einfachen Maßstab für Armut: Tragen die Kinder Schuhe oder laufen sie barfuß? Die meisten der Schulkinder, denen wir auf ihrem Heimweg in die Mittagspause begegneten, waren barfuß. In der Rift Valley Province dagegen trugen die meisten Kinder, die wir sahen, Schuhe.
Ich hatte meinem amerikanischen Freund schon erzählt, wie arm Westkenia ist. Laut einem Bericht der Weltbank vom vergangenen Jahr herrscht im ländlichen Westkenia eine Armutsrate von 60 Prozent. „Wie kann das sein?“, fragte mich Koshin. „Trotz all dieser fruchtbaren Felder sind die Leute arm? Gehört ihnen das Land denn nicht?“ Ich erklärte ihm, dass die meisten Westkenianer sich kaum Medikamente, ausgewogene Ernährung, bessere landwirtschaftliche Produktionsmethoden und Bildung für ihre Kinder über die Grundschule hinaus leisten können – obwohl ihnen das Land gehört.
Ein anderes Mal reiste ich mit Geschäftsfreunden aus der Schweiz durch Ukambani in Ostkenia. So trocken und öde wie es dort aussah, war mir klar, dass sie zu dem Schluss kommen würden, dass Dürre das Hauptproblem in Afrika sei. Wir kamen ins Dorf Ikaalasa, in einer Gegend mit unregelmäßigem Niederschlag, und besichtigten Maisfelder, die wegen der Dürre vor sich hinwelkten.
Viele Länder im subsaharischen Afrika sind mit dem Hungerproblem konfrontiert. Es ist die traurige Geschichte von Afrikanern, die ihr Leben verlieren, weil unfähige Führungen und übereifrige Spendenorganisationen kein Interesse an langfristigen Lösungen haben. Zum Beispiel Ukambani: Jemand, der ein Bohrloch für die Wasserversorgung der Kleinbauern graben wollte, würde auf zahlreiche Hindernisse stoßen. Nicht nur, dass er für die Bohrlizenz zahlen müsste, er hätte auch für die Kosten des Transports und der Lebensmittel für die Ingenieure aufzukommen, die die Wasserversorgung erschließen würden. Er müsste von der kenianischen Strom- und Lichtgesellschaft einen elektrischen Transformator kaufen und für die Strommasten, den Stromanschluss und die monatlichen Stromrechnungen zahlen. Man beachte, dass der „gekaufte“ Transformator nicht dem Käufer, sondern weiterhin der kenianischen Strom- und Lichtgesellschaft gehören würde.
Der Schlüssel zur ökonomischen Entwicklung in Afrika sind die Afrikaner. Wenn man ihnen die Freiheit lässt, ihre eigenen Probleme zu lösen, kann Afrika zu einem florierenden Kontinent werden. Die Schuld in der Geschichte zu suchen, beruhigt sicherlich die Nerven der derzeit noch orientierungslosen Afrikaner. Doch Verschwörungstheorien über Neokolonialismus oder die Ursachen von Krankheiten und Armut sind eine schlechte Vorbereitung auf den steinigen Weg, der noch vor ihnen liegt. Die Afrikaner müssen Verantwortung übernehmen, um auf ihrem Kontinent Wohlstand zu schaffen. Das kann auf folgenden Wegen geschehen:
1. Die schwierige Frage der Eigentumsrechte an Grund und Boden muss auf friedliche Weise gelöst werden. Eine Möglichkeit wäre, Stammesland, das heute in Regierungsbesitz ist, in Kommunaleigentum zu überführen – als Übergangslösung auf dem Weg zum Privateigentum.
2. Sowohl für einheimische als auch für ausländische Investoren müssen Anreize geschaffen werden. Verbesserungen der technischen und rechtlichen Infrastruktur müssen zum Ziel haben, sowohl Produktion als auch Konsumtion zu erhöhen. Gesetzesreformen müssen Vertragssicherheit herstellen.
3. Für afrikanische Erfinder und Unternehmer muss die Gewährung von Krediten erleichtert werden.
4. Der innerafrikanische Handel muss ausgebaut werden, um Produktion und Konsumtion auf niedriger Ebene anzukurbeln – als ein Schritt in Richtung Weltmarkteintritt. Eine Strategie der Öffnung für den Weltmarkt braucht beides: die Öffnung der Grenzen für innerafrikanischen als auch für internationalen Handel.
Afrika ist keineswegs arm, es verfügt über immense unerschlossene Reichtümer, 40 Prozent der potenziellen weltweiten Wasserkraftversorgung, den Großteil der weltweiten Diamanten- und Chromvorkommen, 64 Prozent der Manganvorkommen, 50 Prozent des Goldes, 90 Prozent des Kobalts, 50 Prozent des Phosphats, 40 Prozent des Platins, 13 Prozent des Kupfers, 7,5 Prozent der Kohle, 8 Prozent der bekannten Erdölreserven, 12 Prozent des Erdgases, 3 Prozent des Eisenerzes sowie große Bauxit-, Nickel- und Bleivorkommen. Afrika stellt 70 Prozent des weltweit gehandelten Kakaos her, 60 Prozent des Kaffees und 50 Prozent des Palmöls. Aus all diesen Ressourcen kann nur Reichtum gewonnen werden, wenn den Afrikanern endlich erlaubt wird, frei zu wirtschaften und Profite zu erzielen.
Die beste Hilfe der reichen Länder für Afrika wäre demnach, die „Armutsgefängnisse“ aufzulösen, die die aus der Kolonialzeit geerbten Grenzen darstellen. Europa kann seine Kolonialgeschichte ins Positive wenden, indem es mithilft, dass ein neues Afrika entsteht, das als ein großer Markt agiert. Die Globalisierung sollte die Afrikaner befähigen, am weltweiten Wettbewerb teilzunehmen. Mit anderen Worten: Entwicklungshilfe, die den Status quo aufrechterhält, einzustellen und ein Klima zu schaffen, das sowohl einheimische als auch internationale Unternehmer anzieht, wäre die beste Hilfe für Afrika. Würden die reichen Länder ihre Märkte für die am wenigsten entwickelten Länder öffnen, brächte das den Entwicklungsländern geschätzte zusätzliche Einkünfte von 700 Milliarden Dollar.
Afrika ist das „Last Frontier“ für Investoren. Unternehmen finden in Afrika Arbeit, Naturschätze und Konsumenten vor. Asien wird sich im Hightech-Bereich, der bislang europäisch und nordamerikanisch dominiert ist, als bedeutender Partner für Afrika erweisen.
Die Einstellung der Entwicklungshilfe würde die Afrikaner keineswegs vom Erdboden verschwinden lassen. Sie würden einfach ihre Geschäfte wieder aufnehmen. Eine Einstellung der Hilfe wird an den Tag bringen, dass die meisten internationalen Agenturen die afrikanische Misere dazu genutzt haben, um Spenden zu sammeln und sich einen humanitären Anstrich zu geben.

Gekürzte Fassung
Erschienen: Internationale Politik, Ausgabe April 2006


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